Aktuelles

10.03.2013

Netzabspannungen am Dümmer schützen Tausende Fische vor

Kormoranfraß!

Bereits im vergangenen Herbst berichtete der Landessportfischerverband Niedersachsen e.V. von einem bis dato einmaligen Freilandexperiment um die Fische in Niedersachsens zweitgrößten Binnensee, dem Dümmer, vor Kormoranfraß zu schützen (vgl. Pressemitteilung „Rettung für die Fische im Dümmer in Sicht?“ vom 20.09.2013). Im Winter 2012/13 wurden dazu drei Hafenanlagen mit Netzen überspannt, um den Fischen Rückzugsmöglichkeiten bereitzustellen, in denen sie von Kormoranen nicht bejagt, und somit den Winter schadlos überstehen können. Das Projekt erwies sich als voller Erfolg. In den netzüberspannten Häfen konnten signifikant mehr Fische nachgewiesen werden, als in den offenen Seebereichen, die für Kormorane zugänglich waren. Die Fische scheinen also aktiv die netzüberspannten Häfen aufzusuchen, in denen sie vom Kormoran geschützt sind.

Basierend auf diesem durchschlagenden Erfolg wurde vom LAVES Hannover eine Folgefinanzierung für das Projekt gebilligt, sodass im Winter 2013/14 die Häfen erneut mit Netzen versehen werden konnten. Und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Im netzüberspannten Hafen des Südoldenburger Seglerclubs in Dümmerlohausen konnten bereits wenige Wochen nach Maßnahmenbeginn massive Fischansammlungen beobachtet werden. Auch die Kormorane schienen diese potentielle Futterquelle zu erkennen. Über 100 Vögel jagten regelmäßig in den frühen Morgenstunden in den offenen Hafenbereichen und auf dem Dümmer. In den netzüberspannten Hafen trauten sie sich allerdings nicht hinein. Die Netzabspannung scheint also effizient und hoch wirksam zu sein.

Wie effizient die geschützten Hafenbereiche sind, wurde am 15. Januar 2014 deutlich. Augenscheinlich haben derart viele Fische im Hafen des Südoldenburger Seglerclubs Zuflucht gesucht, dass nach einer ungünstigen, nahezu windstillen Wetterlage die Fische aufgrund ihrer Atmung nur noch wenig gelösten Sauerstoff im Wasser zur Verfügung hatten und sich daraufhin an der Wasseroberfläche versammelten (Foto 1).

Foto 1: Jungfische an der Wasseroberfläche im netzüberspannten Hafen von Dümmerlohausen.

Biologen des LSFV führten am frühen Morgen des 15.1.2014 Sauerstoffmessungen im überspannten Hafenbecken durch. Extrem niedrige Konzentrationen von im Schnitt unter 0,4 mg Sauerstoff pro Liter Wasser wurden gemessen; Werte, die über längere Dauer für viele Fischarten kritisch sind. Zur gleichen Zeit wurde im nebengelegenen Referenzhafen ohne Netzabdeckung eine mehr als 21 mal so hohe Sauerstoffkonzentration im Wasser nachgewiesen. Ein deutlicher Hinweis, dass in diesem Hafen, der den Kormoranen zugänglich ist, viel weniger Fisch vorhanden sein muss. Dieser Verdacht bestätigte sich kurz darauf, nachdem Reusenbefischungen nicht einen Fisch ans Tageslicht brachten.

Bei ungünstigen Sauerstoffverhältnissen stellen viele Fischarten ihre Kiemenatmung auf die sogenannte Oberflächenatmung um. Durch die im Vergleich zum Wasser hohe Sauerstoffkonzentration in unserer Atmosphäre kommt es an der Wasseroberfläche zu einer erhöhten Diffusion von Luftsauerstoff ins Wasser, die es den Fischen ermöglicht, ungünstige Lebensbedingungen wie sie am 15.01.2014 im Hafen bei Dümmerlohausen beobachtet wurden zu überdauern (Foto 1).

Durch die massive Ansammlung von Fischen an der Wasseroberfläche war es den Biologen des LSFV möglich, anhand fotografischer Dokumentation mit anschließender Analyse des Bildmaterials und mit Kenntnis der Längen- und Gewichtsverteilung der Fische, eine ungefähre Abschätzung der Fischbiomasse im Hafen vorzunehmen. Auf ca. 870 m2 des Hafenbeckens befanden sich nach den Berechnungen mehr als 3,5 Tonnen Fische an der Wasseroberfläche. In den 3,5 Tonnen sind die vielen anderen Fische die nicht an der Oberfläche fotografisch dokumentiert werden konnten, noch nicht einmal mit berücksichtig. So konnten am Hafengrund konnten zudem große Vorkommen junger Karpfen, Rotaugen, Barsche, Kaulbarsche und vereinzelt Alande und Zander identifiziert werden (Foto 2).

Foto 2: Reusenbefischungen am Hafengrund brachten viele Karpfen, Rotaugen, Kaulbarsche, Flussbarsche und vereinzelt Alande ans Tageslicht.

Nach diesen Erkenntnissen steht fest: Die Schutzmaßnahmen zeigen Wirkung und man kann auf eine zukünftige Erholung des Fischbestandes im Dümmer hoffen!

In den darauffolgenden Tagen entspannte sich die Sauerstoffsituation im Hafen von Dümmerlohausen wieder, da der aufkommende Wind für Wellenbewegung und damit zu einem vermehrten Sauerstoffeintrag aus der Luft sorgte. Die Fische reagierten sofort auf die verbesserten Lebensbedingungen und verschwanden wieder auf den Boden des Hafenbeckens, wo sie für das menschliche Auge nicht zu erkennen sind. Somit bot das kurzweilige Erscheinen der Fische an der Wasseroberfläche den Biologen des LSFV die einmalige Gelegenheit, einen ungefähren Eindruck zu bekommen, wieviel Fisch sich im Winter schutzsuchend in die netzüberspannten Häfen am Dümmer zurückzieht.

Eine Frage drängt sich nun aber auf: Warum haben die Fische den Hafen nicht verlassen, als die Sauerstoffkonzentration im Wasser sank? Schließlich hätten sie im offenen Dümmer viel günstigere Sauerstoffbedingungen vorgefunden was zeitgleiche Messungen ergeben haben. Anscheinend nehmen die Fische die drohende Gefahr durch die jagenden Kormorane außerhalb des Hafens war, und realisieren zudem, dass sie in den netzüberspannten Häfen von den Kormoranen sicher sind.

Um diese Frage besser klären zu können, wurde das Netz vom Hafen im Dümmerlohausen am 20.01.2014 entfernt. Weiterführende Begleituntersuchungen sollen nun das Verhalten der Fische und Kormorane dokumentieren. Verlassen die Fische den Hafen nach der Netzabnahme und werden die Kormorane im Hafenbereich jagen? Die Biologen des LSFV hoffen auf diese Fragen in naher Zukunft Antworten zu bekommen.

 

Weiterführende Informationen zu diesem Projekt finden Sie hier:

Download des gesamten Endberichts 2013:

Fischschutz vor Kormoranen am Dümmer_Endbericht

 

Pressemitteilung zum Endbericht 2013:

Rettung für die Fische im Dümmer in Sicht?